Buchbesprechung im Hamburger Rundbrief Heft 22/2008 vom 06.04.2008., 38. Jahrgang, Nr.221.

  

Wieviele Bücher sind bereits über die deutschen U-Boote geschrieben worden? In deren Mittelpunkt steht zumeist die „Schlacht im Atlantik“, wo ab 1943 aus den Jägern die Gejagten wurden. Die Marine hoffte, mit neu entwickelten U-Boottypen, die den U-Bootbau revulotionierten, doch noch die „Wende“ im U-Bootkrieg herbei-führen zu können – auch darüber ist viel geschrieben worden. Über die Klein- und Kleinst-U-Boote – vielleicht noch mit Ausnahme des „Seehund“ – ist hingegen wenig bekannt bzw. von der Fachliteratur („Marine-Kleinkampfmittel“) erfaßt, wenn auch die Bezeichnungen „Neger“, „Molch“ oder eben „Biber“ den meisten Marinefreunden geläufig sind, und mit denen der Kampf gegen den unaufhörlich fließenden Nachschub der Alliierten aufgenommen wurde, als der Krieg an die Küsten gekommen und der Gegner auf dem Kontinent gelandet war.
 
Dieses Buch nun befaßt sich mit dem „Biber“, einem winzigen Einmann-Tauchboot, über dessen Entwicklung, Technik und Einsätze bisher in der einschlägigen Literatur nichts ausführlich nachzulesen war – was Wunder, haben doch nur wenige Dokumente den Krieg überdauert, und nur wenige der ohnehin geringen Anzahl Biberfahrer, die das Glück hatten, das Himmelfahrtskommando zu überstehen, sind heute noch am Leben. Damals blutjung – teilweise 17 bis 20 Jahre alt – sind sie heute nur selten bereit, über ihre Erlebnisse zu sprechen.
 
Dem Autor ist es gelungen, mit drei ehemaligen Biberfahrern (dafür reiste er in einem Fall sogar nach Kanada) über ihre Erlebnisse ausführlich zu sprechen, ihre Aussagen sind in diesem Buch festgehalten und sagen mehr, als so mancher offizielle Report. Diese Berichte ziehen sich durch die einzelnen Abschnitte und verbinden somit eine fundierte und sachliche Beschreibung mit einem Stück Lebensbiographie.
 
Im Einzelnen enthält das Buch eine ausführliche Beschreibung über Entwicklung und Technik des Bibers (von Andre Pompetzki in mühsamen Recherchen erarbeitet), die komplizierte Bedienung dieser Waffe und die Ausrüstung von Boot und Fahrer, die Ausbildung der Biberfahrer und – sehr umfangreich – die Einsätze und dabei auftretende Schwierigkeiten. Darauf folgt eine Aufstellung der Flottillen und die Verlustliste – ein erschreckendes Kapitel. Im Anschluß an das Nachwort eines der Überlebenden folgt ein von Dipl. Ing Joachim H. Rudek aus bisher unveröffentlichten britischen Dokumenten erarbeitetes, äußerst interessantes Kapitel: „Die alliierten Geheimdienste und der Biber“ über Erkenntnisse und Beurteilung der Waffe und geeignete Gegenmaßnahmen der damaligen Kriegsgegner. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis rundet das Buch ab.
 
Den Verlag Hartmut Schnier kann man nur beglückwünschen, daß er dieses Buch aufgegriffen und damit einem interessierten Leserkreis zugänglich gemacht hat – es ist weitaus mehr als nur „noch ein U-Boot-Buch“. Und dem geschichtlich und technisch interessierten Marinefreund und Schiffssammler kann man nur empfehlen, es zu lesen!
 
Bernd Schwarz.    

 APOLLO RADIO, 09.06.2008

 Enrico Döring - Die Biberfahrer
 

Als sich 1943 abzeichnete, dass der 2. Weltkrieg für die Deutschen nicht nur zu Lande und zur Luft sondern auch zu Wasser verloren war, wollte das OKW, das Oberkommando der Wehrmacht das nicht wahrhaben. Dabei drohten dem Heer Niederlagen an allen Fronten, Görings Luftwaffe war längst geschlagen und die U-Boote, die "Grauen Wölfe", einst Schrecken der Meere, längst kein Problem mehr für die Alliierten Die hatten nämlich nicht nur deren Sende-Code geknackt, sondern durch ihre Sonargeräte ein probates Mittel die Schiffe zu orten. Da war man im OKM, dem Oberkommando der Marine in Wünsdorf, ca. 40 km südlich von Berlin auf die Idee verfallen, eine Wende im Seekrieg herbei zu führen, koste es was es wolle. Ergebnis: Kleinst-U-Boote, die das bewerkstelligen sollten.

Vorbild dieser Biber genannten Boote, dürfte ein in Norwegen erbeutetes Mini-U-Boot britischer Herkunft gewesen sein. Jedenfalls begann die Flender-Werft in Lübeck, 1944 mit dem Bau dieser Ein-Mann-Röhren. Letztere, sieben Meter lang und etwa sechs Knoten oder 11 Km pro Stunde schnell, bestanden im Wesentlichen aus zwei Torpedos oder Seeminen, einem Benzin- und Elektromotor, dem Turm mit Sehrohr und dem Biberfahrer, den nicht mehr als 3 mm dünnes Stahlblech umgab.

Diese erhielten in Holland eine mehr als dürftige, rund zweimonatige Ausbildung und waren Kommandant, Steuermann und Leitender Ingenieur in einer Person. Ausgerüstet mit Armband-Kompass, kleiner See- und Küstenkarte. Das reichte bei klarer Sternennacht, bei bedecktem Himmel war das Navigieren reine Glückssache. Glück brauchte der U-Bootfahrer aber auch sonst. Sein Boot war technisch unausgereift, strömungsanfällig, schwer auf Sehrohrtiefe zu halten und ständig gelangten Abgase in die Ölfassgroße Zentrale.

Bis zum November 1944 wurden 324 Boote in Dienst gestellt. Fast 70% aller Biberfahrer kamen von ihren Himmelfahrtskommandos nie zurück. Das Buch von Enrico Döring bringt wenigstens etwas Licht in dieses dunkle Kapitel des 2. Weltkrieges. Es ist ein Nachschlagewerk, ein geschichtliches Zeugnis, dass sich vor allem dann geradezu beklemmend liest, wenn der Autor die wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Enrico Dörings gelungene Synthese von Sachbuch, mit zum Teil einmaligen historischen Fotos, und biographischen Berichten ist in der Verlagsbuchhandlung Schnier in Husby erschienen und kostet 18,90 Euro.

Peter Slama

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 Juni 2008

 

 

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